Diagnose: „Tod“ durch unterlassenes Peer-Review – die Qualität von wissenschaftlichen Aufsätzen

So, der Beitragsflut nach dem Abschluss aller Prüfungsleistungen möchte ich mich mit der versprochenen Fortsetzung meines letzten Beitrages über medien-doktor.de anschließen.
Nicht nur die Publikumsmedien enthaltenen Beiträge von minderwertiger Qualität oder unwahren Inhalten, auch die unzähligen Fachpublikationen bleiben nicht von ihnen verschont. Solche Artikel gab es schon immer und, das liegt in der Natur der Sache, wir auch immer geben. Da sie oft jedoch sehr speziell und/oder komplex Inhalts sind, ist es für den einzelnen jedoch nicht so einfach möglich die Qualität dieser Beiträge zu bestimmen. Hier kommt dann das Peer-Review ins Spiel, welches in den Fachmedien eigentlich überwiegend stattgefunden haben sollte. Funktioniert das System, dürfte diesen Beiträgen eine Veröffentlichung verwehrt bleiben. Da es eigentlich/bisher keine wirkliche Alternative zu diesem Vorgehen gibt, findet es auch im Publikationsprozess von Open Access Dokumenten Anwendung. Und damit bin ich auch schon beim Medien-Doc.
Dort stieß ich zufällig auf den Beitrag: „Das Debakel des wissenschaftlich-medialen Komplexes und zwei fahle Lichtblicke“. Darin berichtet der Doc über einen Fall, ausgelöst durch eine in der Open-Access Zeitschrift „International Archives of Medicine (IAM)“ veröffentlichten Ernährungsstudie. Diese hatte in diversen Publikumsmedien zu Berichten geführt, in denen behauptet wurde, dass Schokolade beim Abnehmen hilft. Allerdings handelte es sich um eine von Journalisten inszenierte Studie aus einem nur virtuell existenten Institut. Nun wollte ich mir diese Artikel selbst einmal ansehen, doch der Original-Artikel (http://dx.doi.org/10.3823/1654) war bereits zurückgezogen worden, Zurückgezogener Artikel im AIMda er inzwischen als als Hoax identifiziert worden war. Den Hinweis warum er nicht mehr im IAM Verfügbar war suchte man allerdings vergeblich (s. Abb. und *). Weniger die Frage ob man durch den Verzehr von Schokolade schlank werden kann, interessierte mich nun der Umgang mit solchen Aufsätzen. Das kommentarlose Entfernen von Fachartikeln aus einem Langzeitarchiv, auch wenn sie sich dabei nachweislich um Betrug oder andere Verfehlungen handelt, war in meinen Augen unglücklich. Ist es doch einer Vertrauensbildung gegenüber des jeweiligen Journals abträglich. Daher stellt sich die Frage: Wie könnte man damit umgehen? Gerade im Bereich der Netzpublikationen, in dem Inhalte in wenigen Sekunden austauschbar sind, sollten meines Erachtens diese (insbesondere OA-Publikationen) einen transparenten Umgang mit solchen „Unglücken“ beinhalten.
Eine vertrauensbildende Umgangsweise wären z.B.:

• Kennzeichnung des Artikels selbst bspw. als Hoax oder wissenschaftlich unzureichend
• Landingpage des Artikels mit Kennzeichnung versehen und ggf. nur Artikel entfernen
• Umleitung auf eine „blacklist“ in der Titeldaten sowie die Begründung für das zurückziehen des betroffenen Artikels eingetragen sind

Um ggf. Rückschlüsse auf bereits zitierenden Publikationen ziehen zu können, darf das Datum der Ereignisse nicht fehlen.

Hintergrundinformationen zur Studie und den Auswirkungen gibt es in der ZDF-Mediathek unter: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2418780/Schlank-durch-Schokolade#/beitrag/video/2418780/Schlank-durch-Schokolade. Ebenfalls nicht uninteressant ist eine von der New York Times geführte Website mit zurückgezogenen Fachartikel: http://www.nytimes.com/interactive/2015/05/28/science/retractions-scientific-studies.html?ref=science&_r=1

*Nach meinen Erfahrungen [s. Beitrag: Holzauge – sei wachsam!] habe ich alle Seiten direkt vor der Veröffentlichung noch mal geprüft und festgestellt, dass inzwischen immerhin folgende Information vorliegt: „This article accidentally appeared online for some days in the same url where this notice can now be found. A public disclaimer has been published in the publisher’s website explaining how it all happened. Indeed that manuscript was finally rejected and never published as such.”

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